
Leseprobe
VORWORT
Es gibt Kinder, die entwickeln früh eine Tiefe, die sie selbst noch nicht verstehen können. Nicht, weil sie „besondere“ Kinder wären, sondern weil ihre Welt ihnen keinen anderen Weg lässt. Wenn ein Kind spürt, dass es nicht wirklich gesehen wird - nicht in seiner Art, nicht in seiner Empfindsamkeit, nicht in seinem inneren Ton - dann beginnt es, nach innen zu wandern. Es baut sich Räume, die niemand berührt. Es schärft Wahrnehmungen, um nicht verloren zu gehen. Es lernt, Nuancen zu hören, die andere gar nicht bemerken.
So entsteht Tiefe. Nicht als Talent. Als Überlebensform. Und aus dieser Tiefe entsteht später das Gefühl: Ich bin anders. Ich passe nicht ganz hinein. Ich sehe etwas, das andere nicht sehen. Es ist kein Stolz und keine Überheblichkeit. Es ist ein leiser Schmerz. Ein Wissen, das keinen Namen hat, aber ein Gewicht.
Ich war so ein Kind.
Ich habe früh gespürt, dass ich Dinge wahrnehme, die niemand benennen wollte. Dass ich intensiver fühlte, feiner reagierte, schneller erschrak, tiefer fragte. Und weil es niemand spiegelte, dachte ich lange Zeit, etwas wäre falsch an mir. Also lernte ich, mich anzupassen. Zu erklären. Zu reden. Zu wirken. So zu tun, als wäre es leicht, zu sein. Aber die Tiefe blieb.
Sie wuchs mit mir, auch wenn ich sie jahrelang nicht leben konnte. Sie war der Grund, warum ich mich immer wieder verloren fühlte, wenn ich versuchte, „normal“ zu sein. Und zugleich war sie der Grund, warum ich jedes Mal dorthin zurückkehrte, wo der Weg enger, stiller, klarer wurde. Erst später habe ich verstanden, dass Anderssein kein Defekt ist. Es ist eine Richtung. Eine Art innerer Kompass, der uns führt, auch wenn wir ihn nicht verstehen. Was sich wie zu viel anfühlt, ist in Wahrheit unsere Form von Wahrhaftigkeit. Was uns isoliert, schärft uns. Und was uns niemand abnimmt, verwandelt uns irgendwann in das, was wir wirklich sind.
Diese Erkenntnis hat meinen künstlerischen Ausdruck verändert. Früher glaubte ich, ich müsste mehr sagen, mehr erklären, mehr Farbe, mehr Form, mehr Inhalt. Ich dachte, Tiefe müsse sichtbar sein, damit sie verstanden wird. Aber Tiefe ist das Gegenteil von zu viel. Tiefe ist der Mut, das Unnötige wegzulassen. Tiefe entsteht dort, wo das Wesentliche stehenbleibt. Darum lasse ich heute Farben weg. Darum kürze ich Texte. Darum streiche ich alles, was nicht trägt. Es ist nicht Reduktion aus Stil - es ist Reduktion aus Wahrheit. Ich arbeite mich zur Essenz vor, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Wesentliche eines Menschen übersehen wird.
Solène ist aus dieser Bewegung entstanden. Sie ist das Destillat eines langen inneren Weges: des Andersseins, des Nicht-Gesehenwerdens, des Tiefseins, des Suchens, des Sich-Zurücknehmens und des Sich-Endlich-Aussprechens. Sie ist nicht nur eine Figur. Sie ist die Konsequenz. Und vielleicht auch die Einladung: dass das, was uns gebrochen hat, der Beginn unserer wahren Form sein kann.
Ich trage diese Geschichte in die Welt, weil ich irgendwann begriffen habe, dass ich nicht mehr für „alle“ schreiben will, sondern für jene, die zwischen den Zeilen lesen. Die anders fühlen. Die zu viel waren. Oder zu leise. Oder zu wach.
Vielleicht erkennt jemand in Solène einen Teil seiner eigenen Geschichte. Vielleicht wird jemand durch sie still genug, um die eigene Essenz zu spüren.
Wenn das passiert, hat dieses Buch seinen Zweck erfüllt.
Und wenn nicht - dann ist es trotzdem wahr.
Und das genügt.
Für Solène.
Für LEVILE.
Für mich.
Gaby Muhr
