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Leseprobe

ICH WAR BLUME, WURDE FRAU

JENSEITS DER WURZEL - Kapitel 1

Herkunft trägt Erinnerungen, die größer sind als jede Form, in der sie beginnt.

 

Sie wuchs dort, wo der Garten die Grenze zwischen Zeit und Raum durchbrach. Eingefasst von alten Eichen, im Schutz eines Glashauses, eingebettet in ein verwildertes Paradies. Der See spiegelte das alte Anwesen, und dahinter ragte die Burgruine wie ein stummes Vermächtnis empor.

Das Land gehörte einst den Burgherrschaften. Doch die Gärtner, die es pflegten, kannten es besser als jeder, dem es offiziell gehörte. Eine Pflanze hegten sie mit Hingabe: die Lenzrose, in all ihren Schattierungen. Als die Gärtner starben, blieben die Pflanzen. Sie wuchsen, wo sie wollten. Und unter ihnen existierte eine einzige Lenzrose, die nach Limone duftete.

 

Solène war eine von ihnen. Vielleicht hielt sie sich deshalb für besonders - weil sie den Duft in sich trug. Keine andere Lenzrose, die sie kannte, verströmte ihn. Äußerlich glich sie den anderen, doch tief in ihr fühlte sie eine Bewegung, als hätte das Universum ihr ein Versprechen gegeben. Wenn der Wind durch den Garten zog, berührte er sie anders. Wusste er etwas, das sie vergessen hatte? Ihr Sehnen blieb namenlos, ein Strom ohne Ziel. Manche nannten sie neugierig, andere sagten, sie schaue zu oft dorthin, wo nichts war.

Madame Antoinette, eine uralte Helleborus orientalis mit fast schwarzer Blüte, hatte ihr einst davon erzählt: vom Tribunal der Übergänge. Das Tribunal sei kein Ort, sondern eine Bewusstseinsversammlung jenseits der Formen. Wenn ein Mensch den Zustand reinen Seins erreiche, werde seine Seele durch das Tribunal für den vierten Raum freigegeben.

Lenzrosen bliebe dieser Übergang verwehrt - es sei denn, die Kräfte, älter als die Zeit selbst, gewährten einer von ihnen das Menschsein. Man erzählte, dass dies nur selten geschah.

Über den vierten Raum jedoch sprach niemand mit Gewissheit. Manche sagten, dort ende alles. Andere, dort beginne das, was kein Ende kennt. Solène glaubte, dass dort das wahre Sein wohnte - jenseits von Körper, Blüte und Name. Diese Legende hallte in ihr nach.

 

„Manche Seelen erinnern sich, bevor sie geboren werden“, hatte Madame Antoinette gesagt. „Andere vergessen erst, wenn sie zu viel wissen.“

 

Solène hatte geschwiegen. Wie sollte man auch eine metaphysische Ahnung in Worte fassen?

Sie blühte auf, wenn der Winter nachließ und das Licht sanfter wurde. Sie fühlte sich verbunden, alles stimmte. Für einen Moment genügte das. Doch mit der Zeit verschob sich etwas. Das Dazugehören, einst Trost, fühlte sich enger an, als es sollte. Vielleicht war Zugehörigkeit nur ein anderes Wort für Anpassung - eine stille Form des Vergessens. Und so verlor selbst das Blühen seine Leichtigkeit.

Es lag ein Flirren in der Luft. Ein sanfter Schein glitt über ihre Blätter, als wolle er ihr eine Richtung zeigen. Der Wind hielt inne. Solène spürte einen Hauch, der sich durch sie hindurchzog. Sie musste schmunzeln. Etwas Unbekanntes begann in ihr zu atmen.

Als würde der nächste Augenblick sie bereits rufen.

SOLENÈS WAHL - Kapitel 2

Eine Wahl entsteht im Inneren, lange bevor ihr zugestimmt wird.

Der Garten atmete im gedämpften Licht. Solène hob den Blick, ihr Inneres still, als lausche sie etwas, das nur sie hören konnte.

Madame Antoinette sprach sie an: „Etwas in dir ruft, Solène, und es will gehört werden.“

Es war keine Frage, eher eine Feststellung. „Ja, ich folge diesem Ruf“, sagte Solène. „Obwohl er eher wie ein hartnäckiges Flüstern klingt, das nicht weiß, was es will.“ Ein Anflug von Ironie huschte über ihre Stimme.

„Ich kann ihn nicht zurückhalten. Wenn ich es tue, verliere ich mich, Stück für Stück.“ Und nach einem kurzen Schweigen: „Ich weiß nicht, wohin er mich führt. Ich vertraue und gehe mit.“

Manchmal fragte Solène sich, ob sie wirklich etwas suchte oder nur nach einer Ausrede, anders zu sein.

Madame Antoinette neigte ihre Blüte leicht: „Wenn ein Weg so klar spürbar ist, zeigt er sich von selbst. Bleib offen, und du wirst geführt. Ich habe dich immer als hochschwingendes Wesen erlebt, Solène. Deine Empfindungen bestätigen, was ich tief in mir längst geahnt habe.“

In Solène entstand eine Pause, die sich ausdehnte. Ihre Wurzeln reichten tief in die Erde. Das Leben um sie war ruhig, verlässlich. Jahre zogen vorüber wie Kreise im Wasser, vertraut und doch nie gleich.

Ab und an sah sie Frauen, die durch den Garten gingen, Kinder, die barfuß über das Gras liefen. Schatten wanderten über Sommertage, Nebel legte sich sanft über den Morgen - und in all dem spürte sie das leise Atmen des Lebens.

Solène stellte sich vor, wie es wäre, als Mensch zu lachen - dieses erste, klare Aufbäumen von Leben in der Brust.

 

Der Gedanke wärmte sie, trug sie weiter. Vielleicht würde sie als Mensch auch weinen, mit Haut, mit Stimme, Teil eines lebendigen Spiels aus Nähe und Widerstand. Als Wesen aus Klang und Geste, verletzlich und lebendig. Im langen Kleid über die Wiesen spazieren, stundenlang Kaffee trinken, mit Sahne, und sich die Nägel lackieren, in schönstem Rot.

Solène fragte sich, ob Nähe mehr sein konnte als ein flüchtiger Moment. Ob sie etwas in ihr berühren würde, das noch nie ganz erwacht war. Ein Blick, der verweilt. Ein Lächeln, das öffnet. Eine Berührung, die bleibt.

Oft hatte sie jene beobachtet, die sich im Schutz der Mauern küssten oder ineinander verschränkten, wenn sie glaubten, niemand sehe sie. Wäre sie Teil dieser menschlichen Welt, würde sie sich zeigen. Mit offenen Augen, roten Wangen. Bereit, sich zu verlieren, in einem Menschen, in dem, was es bedeutet, wirklich da zu sein. Solène hielt das Bild fest.

Nun veränderte sich die Luft. Etwas durchströmte sie, spannte ihr Innerstes an, löste sie aus ihren Gedanken. Solène hörte etwas, doch sie sah nichts. Da formte sich die Stimme klarer, fremd und nah zugleich.

"Was bleibt, wenn alles geht?"

Solène hielt den Atem an. Die Situation irritierte sie, und sie wusste nicht, woher die Frage kam oder ob sie wirklich ihr galt.

 

Jetzt hörte sie die Worte noch deutlicher:

 

„Was bleibt, wenn alles geht? - Das ist die Frage, die dich ruft, Solène. Sie kommt, weil du bereit bist zu wählen. Und deine Antwort formt den Weg.“

 

Solène zögerte. Passierte das gerade wirklich oder bildete sie sich das nur ein? Sie war verwirrt, fühlte sich nicht wirklich bereit und war gleichzeitig offen für das, was sich ihr zeigte.

Madame Antoinettes Stimme kam aus der Ferne: „Der Duft wird dich erinnern.“ Solène atmete aus. Sie wusste nicht, was sie gewählt hatte. Nur, dass etwas sich entschieden hatte.

Durch sie.

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